„Kultursensible Altenhilfe“ – längst erkannt und immer noch in den Kinderschuhen!

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Brauchen wir das? So geht es schon los, wenn man eine neue Altenpolitik angesichts des Demographischen Wandels und der Tatsache einfordert, dass die sogenannte „Erste Generation“ alt geworden ist und eine ganz neue Gruppe von älteren und hochaltrigen Menschen mit ausländischer Herkunft neue Anforderungen an die gesamte Seniorenpolitik stellen.

Der DPWV Pflegekongress in Berlin am 28. und 29.9.2016 widmete sich diesem Thema unter dem Titel: „Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe – Perspektiven“. Neben Statistiken, die eindeutig auf die Notwendigkeit der Kultursensibilisierung in den gesamten Beschäftigungs- und Leitungsstrukturen im Pflege- und Altensozialdienst hinweisen , wurden „best practice“ Beispiele vorgestellt. Wie man solch eine Neustrukturierung angehen kann zeigten u.a. die Vertreter der Stadt Berlin, die ein Kommunikationszentrum interkulturelle Öffnung der Altenhilfe besitzt und 200 „Integrationslotsen“ in den einschlägigen Stadtteilen sowie 10 „Brückenbauerinnen“ allein in Neukölln eingestellt hat, die in Pflegestützpunkten tätig sind,  beraten, begleiten und vermitteln. Die Stadt München hat den notwendigen Paradigmenwechsel in der Altenhilfe durch ein für 5 Jahre angesetztes Projekt  mit einer halben Stelle eingeleitet, in dem der Schwerpunkt auf die Information, Überzeugung, Mitarbeit und Beteiligung von den  Migrantenorganisationen für zukünftige Projekte gelegt wird.

Und darin liegt der Kern für eine erfolgreiches Umdenken und Neustrukturieren der Altenhilfe:  die Migrantengemeinden müssen von Beginn an einbezogen  und Akteure und Mitgestalter zukünftiger, dem Demographischen Wandel gerecht werdender Stadtentwicklung werden!

Auch das ist nicht neu, denn längst weiß man zumindest in Berlin, dass Projekte wie „Internationale Bauausstellung Kreuzberg“ in den 90er Jahren überhaupt nur dort Sinn gemacht haben und erfolgreich genannt werden konnten, wo die Zuwanderer „abgeholt“ wurden, und nicht „für sie“ gebaut und geplant wurde. Solch ein Vorgehen  erfordert natürlich mehr Zeit und Anstrengung, ist aber dann der Mühe wert gewesen. Das zeigten v.a. zwei auf der Tagung vorgestellte „best practice“ Beispiele aus Bremen und Frankfurt, die eigentlich in jeder Stadt bekannt sein müssten, die ihre Politik zur „kultursensiblen Altenpflege“ oder „Seniorengerechten Stadt“ neu definieren und strukturieren möchte, die auch die Migranten einschließt! Das Institut für Landes- und Stadtentwicklung ILS in Dortmund hat sich mit solchen Projekten schon in den 90ern beschäftigt – Dortmund und NRW sollten also längst Klarheit über Ziele und Vorgehensweisen haben!

Best Practice Beispiele: 

Bremen „Stiftungsdorf Gröpelingen“ der Bremer Heimstiftung

(Bremer-heimstifung.de)

gropelingen

Auf dem Gelände einer ehemaligen Feuerwache in Bremen-Gröpelingen, einem alten Arbeiter- und Migrantenviertel, wurde 2003 mit dem Umbau zu einem öffentlichen Multikulturellen Zentrum begonnen und mit zusätzlichen Neubauten das Integrationsprojekt „Wohnen im Alter für und mit Migranten und Migrantinnen“ verwirklicht. Der Träger machte es sich zur Aufgabe,  bei der Planung durch einen entsprechenden Architekten Kriterien für ein sogenanntes „muslimisches Wochen“ zu erfragen und umzusetzen, da sich das Projekt zunächst vor allem an die türkischen Gemeinden und türkische Ältere Menschen wandte. on Beginn an gab es eine intensive Beteiligung der Vereine (ein sunnitischer und ein alevitischer Verein im Viertel) und zukünftiger Interessenten. Von den insgesamt dreizehn Wohnungen  gibt es acht Ein-Personenwohnungen und vier Zwei-Personen-Wohnungen. Umsetzung, Ausgestaltung und „Bewohnung“ setzte auf aktive Beteiligung und Selbsthilfe der zukünftigen und bereits dort wohnenden Mieter. Sie haben die Nutzung des Raumes und Umfeldes, etwa des Gebetsraumes, der Küche, einer Werkstatt, Festraum und Gästeraum bestimmt und noch immer befindet sich vieles im Wandel je nach Wünschen und Bedürfnissen der Bewohner. Betreuung, Pflege, Versorgung, auch Größe und Kosten sind den sozialen Verhältnissen und den kulturellen Gewohnheiten angepasst.

„Die frühzeitige Beteiligung der zukünftigen türkischen  älteren Bewohner und Bewohnerinnen kann als entscheidend für den Projekterfolg angesehen werden.“

Frankfurt „Victor-Gollancz-Haus“ des Frankfurter Verbandes

(Victor-gollancz-Haus.de)

Das Motto dieser Einrichtung mit 10 Wohngruppen, davon zwei mit muslimischen BewohnerInnen und zwei für Demenzkranke, ist

Gemeinschaftlich – Miteinander – Füreinander
aus der Webseite:
Leben & Pflege im Victor-Gollancz-Haus
Wir pflegen das Miteinander im Haus. Zum Miteinander gehört auch Ihre Familie. Wir brauchen die Unterstützung der Familien. Durch Besuche und Mitgestaltung von Festen leisten Angehörige einen wichtigen Beitrag. Darüber hinaus haben wir hier für Sie ein vielseitiges Angebot an Aktivitäten, Veranstaltungen und Festen.
Im Pflegebereich legen wir besonderen Wert auf kultursensible Pflege, bei der Ihre Intimität und Privatsphäre gewahrt wird.   …

Das interkulturelle Altenhilfezentrum
Unser Haus soll ein Ort für viele unterschiedliche Menschen sein. Je bunter die Gemeinschaft ist, desto reicher an Austausch und Erfahrung ist sie auch. Daher freuen wir uns darauf, über Grenzen hinaus zu schauen, Menschen aus allen Kulturkreisen zu begrüßen und alle in ein aktives, lebendiges Miteinander einzubinden.
Es ist für uns selbstverständlich, die individuelle Religiosität unserer Bewohner zu respektieren. Wir nehmen religiöse und kulturelle Traditionen ernst. Wir feiern sowohl christliche als auch muslimische Feste – gemeinsam.
Seelsorger im Haus
Christliche und muslimische Seelsorger bieten Gottesdienste und Gebete an. Auch in schwierigen Lebenssituationen stehen sie unseren Bewohnern zur Seite. Ansprechpartner für Bewohner muslimischen Glaubens sind die Mitglieder der muslimischen Gemeinden.
Eigene Gebetsräume
Wir möchten, dass Sie Ihren Glauben in unserem Haus leben können. Daher haben wir eigene Gebetsräume, die Ihnen jederzeit zur Verfügung stehen.
Wohngruppe für Menschen muslimischen Glaubens
Eine Wohngruppe in unserem Haus berücksichtigt insbesondere die Lebensgewohnheiten von Menschen muslimischen Glaubens.“

Eine Zentrale Aussage im Vortrag war:

„DIE MITARBEITER SIND DER SCHLÜSSEL!

  • Zum großen Teil bilingual (insgesamt 40 der Mitarbeiter)
  • In der muslimischen WG ausschließlich Frauen
  • In der muslimischen WG überwiegend türkischsprachig
  • In der muslimischen Wohngruppe mit Kenntnissen und Erfahrungen der Lebenswelt der Bewohner“

Zum Vortrag siehe:

ute_bychowski_kultursensible_pflege_victor_gollancz_haus

Auch für die Entwicklung dieses kultursensiblen Hauses für ältere Menschen und den Erfolg dieses Modells war eine zweijährige Planung unter intensiver Beteiligung benachbarter Migranten- und Moscheevereine die Voraussetzung!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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